Charaktereigenschaften der Guangzhouer

2007-10-09Von Ella (LI Yunzhe)

Guangzhou, die Metropole an der Mündung des Pearlflusses, ist Chinas südliches Tor zum Meer. Solch ein geographischer Standort prägt den Charakter von den hier lebenden Leuten, nämlich den Charakter einer durch die Meernähe geprägten Kultur.
Was macht eigentlich diesen Charakter aus? Nach einen kurzen Überblick über die Vergangenheit und die Gegenwart Guangzhous kann man ein Profil dieses Charakters erstellen.

Versperrt von den Bergen im Norden Kantons ist Guangzhous geographischer Standort im Vergleich zu dem anderer berühmter Städte in Nordchina eher unvorteilhaft. Auch liegt die Stadt weit entfernt vom politischen und kulturellen Zentrum Pekings. Um diesen Nachteil auszugleichen, orientierten sich die Leute früher mit Blick aufs Meer. Dass manche hier entdeckte Kulturschätze des Fürstenstaates Nanyue (203 v. Chr.-111 v. Chr.) aus Persien kamen, beweist den Beginn des Seehandels zwischen Guangzhou und der anderen Welt. Die Verbindungen über See haben sich immer weiter entwickelt und erlebten in der Tang-Dynastie (618 - 907) eine Blütezeit. Damals war Guangzhou der größte Hafen Chinas. Diese führende Position wurde erst in der Yuan-Dynastie (1217-1368) von Quanzhou (in der Provinz Fujian) übernommen, gleichwohl blieb Guangzhou der Anfangspunkt der "antiken Seidenstraße auf dem Meer".

Als die Qing-Regierung in der Mitte des 17. Jahrhunderts eine Politik der geschlossenen Tür verfolgte, wurde die Stadt Guangzhou als einziger Handelshafen bestimmt. Die Shi-San-Xiang Straße in der Nähe der Insel Shamian, heute eine gewöhnlich aussehende Straße, kann diese Geschichte bezeugen.

In der Gegenwart wird Guangzhous Verbindung mit dem Rest der Welt, besonders die wirtschaftliche Verbindung, immer stärker. Die jedes Jahr zweimal in Guangzhou stattfindende Chinesische Import- und Exportwarenmesse und die Tatsache, eine der ersten nach außen geöffneten Städte in China gewesen zu sein, beweist die Stellung Guangzhous als wichtiger Akteur in der Weltwirtschaft.

Nach diesem Rückblick in die wirtschaftliche Vergangenheit Guangzhous der letzten 2000 Jahre lässt sich der Schluss ziehen, dass die Guangzhouer stets geschickte Geschäftsleute waren. Seit der Öffnung und Reform in China steht Guangzhou immer beim Außenhandel an führender Stelle.

Durch die enge Verbindung mit der Welt sollen die Leute in Guangzhou einen offenen und toleranten Charakter entwickelt haben. In der Vergangenheit kamen auch die verschiedenen Religionen gut miteinander zurecht. Die im Jahr 627 eingerichtete Huaisheng-Moschee gehört zu den ältesten Moscheen in China und der 6. Buddhistische Führer (Chanzong), Huizu, hat sich im Guanxiao Tempel in Guangzhou den Initiationsriten als Mönch unterzogen.

Seit den letzten 30 Jahren kommen Leute aus ganz China nach Guangzhou, um Geld zu verdienen. Im Vergleich zu Beijing und Shanghai ist die Beschränkung für Zugezogene und Ausländer, die sich in Guangzhou ansiedeln wollen, weniger stark. Deshalb kann man immer mehr Ausländer auf der Straße antreffen. Interessanterweise kann man den toleranten Charakter der Guangzhouer auch am Yue-Dialekt erkennen, denn viele Fremdwörter werden hier eingenommen, z. B. taxi, store, boycott auf Englisch usw.

Manche Leute meinen auch, dass die Menschen hier eher strebsam und risikobereit seien, weil sie durch den Kampf um die Erschließung eines Seeweges solche Eigenschaften entwickelten. Dem Kampf um die Unabhängigkeit und die Demokratie Chinas entstammen viele Persönlichkeiten, z.B. Sun Yat-sen und Kang Youwei aus Guangzhou, Kanton. Viele Persönlichkeiten befassten sich in Guangzhou mit der Revolution. Der Guangzhouer Aufstand im Jahre 1911, die 1924 gegründete Huangpu Militärschule usw. übten bedeutenden Einfluss auf die Geschichte Chinas aus. Eigenschaften wie Strebsamkeit und Risikobereitschaft sind heute noch bei den Guangzhouern zu finden.

Guangzhou hat auch die erste Hochstraße Chinas in der Innenstadt gebaut und zum ersten Mal eingeführt, dass Taxis durch Handbewegung angehalten werden können, denn früher musste man im Taxizentrum anrufen, um ein Taxi zu bestellen. Aus diesem Grund gelten die Guangzhouer als Leute, die "als Erste den Krebs essen". So lautet ein chinesisches Sprichwort, was bedeutet, dass man gerne als Vorreiter auftritt.

Die wenigen Beispiele reichen natürlich nicht aus, um eine allseitige Beschreibung des Charakters der Guangzhous abzugeben. Aber man entdeckt durch Umgang mit den Guangzhouern schnell, dass sie geschickt, pragmatisch und offen sind.

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